Stellungnahme des Ukrainischen Instituts zu den anhaltenden Angriffen Russlands auf die ukrainische Kultur und das kulturelle Erbe

In der Nacht zum 15. Juni 2026 führte Russland einen weiteren massiven Raketen- und Drohnenangriff auf die Ukraine durch. Dabei wurden unter anderem die Städte Kyjiw, Dnipro und Sumy getroffen. Dabei wurden mindestens elf Menschen getötet und 53 weitere verletzt.

Zwei russische Drohnen trafen gezielt die zum UNESCO-Welterbe gehörende mittelalterliche Klosteranlage der Kyjiw-Petscherska Lawra sowie den Mystetskyj Arsenal, das größte Kulturzentrum der Ukraine.

Besonders symbolisch wiegt die Beschädigung der Kyjiw-Petscherska Lawra, eines der wichtigsten spirituellen und kulturellen Wahrzeichen Osteuropas. Die im 11. Jahrhundert gegründete Lawra ist seit einem Jahrtausend ein Zentrum von Bildung, Buchdruck, Kunst, Philosophie und religiösem Leben in der Region. Sie ist ein Pilgerort und ein lebendiger Teil des europäischen Kulturerbes.

Der Angriff beschädigte außerdem schwer das Nationale Oleksandr-Dowschenko-Filmstudio. Dabei wurde die größte und älteste Filmkostümsammlung der Ukraine zerstört, die rund 100.000 Objekte und mehr als drei Millionen Kleidungsstücke umfasste. Ebenfalls betroffen waren das Kunstmuseum Charkiw sowie das Haus für Orgel- und Kammermusik in der Stadt Dnipro, einschließlich seiner einzigartigen Konzertorgel.

Zusammengenommen zeigen diese Angriffe ein größeres Muster. Russland nimmt erneut jene Institutionen ins Visier, durch die Ukrainer:innen Erinnerung bewahren, Kunst schaffen, Wissen teilen und sich ihre Zukunft vorstellen.

Seit Februar 2022 hat Russland in der gesamten Ukraine 1.913 Kulturerbestätten und 2.573 Einrichtungen kultureller Infrastruktur beschädigt oder zerstört. Museen, Bibliotheken, Archive, religiöse Stätten, Theater, Universitäten und Kulturzentren wurden wiederholt angegriffen.

Ukrainische Kultur ist in diesem Krieg kein Kollateralschaden. Sie ist eines der Ziele Russlands.

Russlands Angriff auf die ukrainische Kultur begann jedoch nicht erst mit Raketen und Drohnen. Seit Generationen wird ukrainisches Kulturerbe angeeignet und falsch dargestellt, während die Menschen, die es geschaffen und bewahrt haben, Unterdrückung, Zensur, Haft und Gewalt ausgesetzt waren und sind. Die heutigen Angriffe sind Teil dieser andauernden Geschichte.

Verurteilungen allein reichen nicht aus. Es braucht Schutz, Dokumentation, Wiederaufbau und Rechenschaftspflicht. Ebenso wichtig ist es, dafür zu sorgen, dass die ukrainische Kultur in der Welt präsent bleibt.

Russland versucht, den Raum, in dem ukrainische Kultur existieren kann, zu verkleinern. Als Leiter:innen und Vertreter:innen kultureller und akademischer Institutionen weltweit können Sie dazu beitragen, diesen Raum zu vergrößern.

Deshalb richten wir folgenden Appell an Sie:

An Museen und Galerien: Wir rufen zu einer fairen und entschlossenen Überprüfung der Zusammenarbeit und Partnerschaften mit russischen Kulturinstitutionen, ihren verbundenen Strukturen und Stellvertreterorganisationen auf. Zugleich ermutigen wir zu einer korrekten Zuschreibung ukrainischer Künstler:innen und ihrer Werke sowie zur aktiven Umsetzung dekolonialer Praktiken in institutionellen Richtlinien. Wenn bereits Ausstellungen ukrainischer Kunst bereits geplant sind, laden wir Sie ein, eng mit ukrainischen Expert:innen und Kurator:innen zusammenzuarbeiten.

An Festivals, Kulturorganisationen und Veranstaltungsorte: Wir rufen zu informierten und inklusiven Programmentscheidungen auf, die Künstler:innen und Kreative aus der Ukraine sowie aus anderen unterrepräsentierten Nationen und Gemeinschaften einbeziehen. Kulturräume dürfen – auch nicht unbeabsichtigt – Kulturen Legitimität verleihen, die in Kriegsverbrechen und genozidale Handlungen verstrickt sind. Eine solche sorgfältige Prüfung ist keine Einschränkung von kulturellem Austausch oder künstlerischer Freiheit. Im Gegenteil: Sie sichert Integrität und moralische Verantwortung.

An Universitäten: Wir ermutigen zu nachhaltigen Investitionen in interdisziplinäre Ukrainistik und Krimtataristik sowie zu einer Überprüfung russlandzentrierter Ansätze in der Erforschung der Ukraine und Osteuropas. Wir rufen zu konkretem Handeln auf: zu neuen Professuren, Fellowships, Forschungsmöglichkeiten und akademischem Austausch. Wir laden Universitäten ein, sich der „Global Coalition of Ukrainian Studies” anzuschließen und zu ihr beizutragen – einer Initiative, die die langfristige Präsenz der Ukrainistik in Forschung und Hochschulbildung stärken soll.

An Forschungszentren und Thinktanks: Wir begrüßen die fortgesetzte, sorgfältige Dokumentation der Schäden, die Russland dem ukrainischen Kulturerbe zufügt, sowie deren Erfassung im Haager Schadensregister. Wir ermutigen außerdem zu einer kritischen Untersuchung der Narrative, die diese Angriffe begleiten, sowie der umfassenderen Strategien, mit denen Russland Kultur in der hybriden Kriegsführung instrumentalisiert.

Zudem ermutigen wir Regierungen, internationale Organisationen und Partner:innen, den Ukraine Cultural Heritage Fund zu unterstützen – eine transparente Multi-Geber-Plattform, die dem Schutz und der Wiederherstellung des ukrainischen Kulturerbes angesichts der Zerstörungen des Krieges gewidmet ist.

Die stärkste Antwort auf kulturelle Auslöschung ist kulturelle Präsenz. Zeigen Sie ukrainische Kultur. Erforschen Sie sie. Übersetzen Sie sie. Schreiben Sie über sie. Lehren Sie sie. Genießen Sie sie.

Beirat und Team des Ukrainischen Instituts