Die russische Flagge wird überall dort zu sehen sein, wo es eine russische Sprache gibt: Stiftung Russische Welt
Die Studie
Datum:
März – Juli 2022
Die Autor:innen:
Yuliia Masiienko, Kateryna Zahryvenko, Nadiia Koval, Denys Tereshchenko
Über das Projekt:
Dieses Kurzdossier ist Teil des Projekts „Study of the Institutions of Cultural Diplomacy of the Russian Federation“ des Ukrainischen Instituts, das gemeinsam mit der Forschungsagentur MZ Hub durchgeführt wurde.
Auf der Grundlage öffentlich zugänglicher Informationen über die Aktivitäten der Russian World Foundation, ihrer Kennzahlen, ideologischen Grundlagen und finanziellen Indikatoren sowie von Berichten über von ihr durchgeführte und finanzierte Veranstaltungen haben wir versucht, ein recht detailliertes Porträt dieser Organisation im breiteren Kontext der ideologischen Legitimation der Außenpolitik des russischen Regimes und ihrer Veränderungen in den letzten Jahren zu erstellen.
Die wichtigsten Schlussfolgerungen der Studie:
- Die politische Idee der „russischen Welt“ entstand in den späten 1990er Jahren und wurde im folgenden Jahrzehnt zur ideologischen Grundlage der russischen Kulturpolitik in den Ländern der ehemaligen UdSSR und darüber hinaus. Befürworter dieses Konzepts sehen die „russische Welt“ als eine bestimmte kulturelle Einheit, die in erster Linie durch die russische Sprache, die orthodoxe Religion und eine Reihe archaischer, antiwestlicher Werte definiert wird. Für das russische Regime dient das Konzept der „russischen Welt“ als ideologisches Mittel, um russische Einflusssphären, die nach dem Zusammenbruch der UdSSR verloren gingen, wieder zu festigen.
- Der geografische Kern der „russischen Welt“ umfasst Russland, Belarus und die Ukraine, ist aber nicht darauf beschränkt. Von diesem imaginären Kern gehen andere Gemeinschaften, die zur „russischen Welt“ gehören, in konzentrischen Kreisen ab, die von ethnisch russischen und russischsprachigen Diasporas in verschiedenen Regionen bis zu Anhängern und Sympathisanten der russischen Kultur in den entlegensten Winkeln der Welt reichen.
- Obwohl die Russian World Foundation als „Nichtregierungsorganisation“ gegründet wurde, ist sie strikt dem russischen Regime untergeordnet: Ihre Gründer und eigentlich auch ihre einzigen Geldgeber sind das russische Außenministerium und das Bildungsministerium. Darüber hinaus wird seit 2021 die gesamte Leitung der Stiftung per Präsidialdekret ernannt, und in ihren Leitungsgremien sitzen Vertreter:innen der russischen Präsidialverwaltung, des Parlaments und der Regierung. Zwischen 2015 und 2020 verfügte die Stiftung über ein Budget von 460-580 Millionen Rubel, das fast vollständig aus dem föderalen Haushalt stammt.
- Während ihres gesamten Bestehens wurden die Aktivitäten der Stiftung eindeutig von Wjatscheslaw Nikonow dominiert, einem regimefreundlichen Politiker und Historiker, einem Enkel des sowjetischen Außenministers Wjatscheslaw Molotow, der ein deutliches Beispiel für die Vererbung eines großen Teils der russischen Eliten auf die sowjetischen Eliten ist. Durch die wechselseitige Beteiligung an den Leitungsgremien der jeweils anderen Organisation ist die Stiftung auch eng mit anderen Organisationen des russischen Regimes verbunden.
- Die beiden Hauptinstrumente der Stiftungsarbeit sind die klassischen westlichen kulturdiplomatischen Institutionen der Vertretungen in anderen Ländern und die Verteilung von Fördermitteln zur Projektdurchführung. In beiden Fällen werden diese Instrumente jedoch in einer Weise eingesetzt, die nicht typisch für offene und demokratische Institutionen ist.
- Das Netzwerk aus Büros, Zentren – Vertretungen der Stiftung – und befreundeten Organisationen, das im Allgemeinen dem Konzept der konzentrischen Kreise der „russischen Welt“ entspricht, wird vollständig von der Stiftung oder ihren Geschäftspartnern finanziert und bietet Russischunterricht in der ganzen Welt an. Anfang 2022 verfügte die Stiftung über 104 aktive Zentren in 52 Ländern und 128 Büros in 57 Ländern sowie über 5.700 befreundete Organisationen in fast 160 Ländern (einschließlich Russland, wo 2.700 solcher Organisationen existieren).
- Die finanzielle Unterstützung der Stiftung für andere Organisationen zielt darauf ab, das Studium der russischen Sprache zu fördern und zu unterstützen, die russische Kultur (Literatur, Tanz, Musik, Theater usw.) zu unterstützen und zu fördern und wichtige russische Narrative, wie die russische Interpretation des Zweiten Weltkriegs und der sowjetischen Erfahrung im Allgemeinen, zu fördern.
- Die Stiftung verfügt über ein eigenes Medienarsenal: ein Internetportal, eine Zeitschrift, einen Fernseh- und Radiosender sowie eine Reihe von Social-Media-Seiten. Alle Medienressourcen und Seiten der Stiftung geben die militarisierte und expansionistische Rhetorik des russischen Regimes wieder und berichten unter anderem über zahlreiche Beispiele für die Politik der kulturellen Assimilierung der besetzten ukrainischen Gebiete und die angeblich wachsende Unterstützung für Russlands Aktionen in der Welt.
- Die Russian World Foundation ist einerseits eine organisatorische Verkörperung des Konzepts der Wiederherstellung der russischen Dominanz in der osteuropäischen Region und der Welt, das den ehemaligen sowjetischen Mythos einer kommunistischen/sozialistischen Zukunft für die russischen politischen Eliten ersetzen sollte, und andererseits ein Instrument zur Durchsetzung und Förderung archaischer russischer kultureller Muster und Praktiken, derselben Schriftsteller:innen, Dichter:innen oder Komponist:innen, ohne die moderne Erfahrung der russischen Kultur zu überdenken und in einen Dialog mit den Kulturen der Länder zu treten, in denen die Stiftung tätig ist.

